Willkommen auf der Erde, kleiner Prinz

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Willkommen zu unserer gemeinsamen Lesewoche am Gymnasium am Deutenberg.
Eine Woche lang liest unsere ganze Schulgemeinschaft das gleiche Buch – „Der kleine Prinz“. Und weil Lesen verbindet, sollen alle mitmachen können: Schüler*innen, Eltern, Geschwister, Großeltern, Ehemalige und diejenigen, die gerade krank sind oder nicht in der Schule sein können.

Denn eine Geschichte gehört allen, die sie hören möchten. Deshalb veröffentlichen wir hier jeden Tag den Abschnitt, den unsere Klassen gerade lesen.
So kann jede und jeder von überall aus ein Stück dieser besonderen Woche miterleben:
im Bett, am Küchentisch, im Krankenhaus, zwischen zwei Terminen oder abends gemeinsam auf dem Sofa.

Lesen wir also zusammen – über Klassenzimmer, Häuser und Generationen hinweg.

Eine Geschichte verbindet uns, auch wenn wir nicht im selben Raum sitzen.

Hier beginnt unser täglicher Leseabschnitt:

Kapitel XVI

Der siebente Planet war die Erde.

Die Erde ist nicht irgendein Planet! Man zählt dort hundertelf Könige (natürlich nicht, ohne die Farbigen mitzuzählen), siebentausend Geographen, neunhunderttausend Geschäftsmänner, siebeneinhalb Millionen Säufer, dreihundertelf Millionen Eitle, das heißt ungefähr zwei Milliarden Erwachsene.

Um euch eine Idee von den Ausmaßen der Erde zu geben, würde ich sagen, dass man vor der Erfindung der Elektrizität auf allen sechs Kontinenten eine Armee aus vierhundertzweiundsechzigtausendfünfhundertelf Laternenanzündern beschäftigen musste.

Aus der Ferne sah das umwerfend aus. Die Bewegungen dieser Armee waren einstudiert wie bei einer Balletttruppe an der Oper. Zuerst waren die Anzünder in Neuseeland und Australien an der Reihe. Die gingen schlafen, wenn ihre Laternen angezündet waren. Dann begann der Tanz der Laternenanzünder in China und Sibirien. Dann verschwanden auch sie hinter den Kulissen. So waren die Anzünder in Russland und Indien an der Reihe. Dann die in Afrika und Europa. Dann die in Südamerika. Schließlich jene in Nordamerika. Niemals verwechselten sie die Reihenfolge ihres Auftritts. Es war großartig.

Nur der Anzünder der einzigen Laterne am Nordpol und sein Kollege mit der einzigen Laterne am Südpol führten ein untätiges und gemächliches Leben: sie arbeiteten nur zweimal im Jahr.

 

Kapitel XVII

Wenn man klug wirken will, passiert es, dass man ein wenig schwindelt. Ich war nicht ganz ehrlich, als ich euch von den Laternenanzündern erzählte. Es könnte ein falsches Bild von unserem Planeten entstehen bei jenen, die ihn nicht kennen. Die Menschen nehmen nur wenig Platz auf der Erde ein. Wenn die zwei Milliarden Einwohner, die auf der Erde leben, sich wie für eine Versammlung eng nebeneinander stellen würden, dann genügte für sie ein öffentlicher Platz von zwanzig Meilen Länge und zwanzig Meilen Breite. Man könnte die gesamte Menschheit auf der kleinsten pazifischen Insel unterkriegen.

Die Erwachsenen werden euch das natürlich nicht abnehmen. Sie glauben, sie nähmen sehr viel Platz ein. Sie finden, sie seien ebenso imposant wie Affenbrotbäume. Ihr solltet ihnen raten, das mal zu berechnen. Sie lieben Zahlen, das wird ihnen gefallen. Aber verliert nicht eure Zeit damit. Das ist unnütz. Ihr vertraut mir ja.

Auf der Erde angekommen war der kleine Prinz erstaunt, niemanden zu sehen. Er hatte schon Angst, sich im Planeten geirrt zu haben, als sich ein mondfarbener Kringel in der Erde bewegte.

– "Gute Nacht", sagte der Prinz auf gut Glück.

– "Gute Nacht", antwortete die Schlange.

– "Auf welchem Planeten bin ich gelandet?", fragte der kleine Prinz.

– "Auf der Erde, in Afrika", antwortete die Schlange.

– "Ah! … Gibt es denn niemanden auf der Erde?"

– "Hier ist die Wüste. Es gibt niemanden in der Wüste. Die Erde ist groß", sagte die Schlange.

Der kleine Prinz setze sich auf einen Stein und schaute hinauf in den Himmel.

– "Ich frage mich", sagte er, "ob die Sterne erleuchtet sind, damit jeder eines Tages seinen Stern wiederfinden kann. Schau dir meinen Planeten an. Er ist gerade genau über uns … Aber wie weit er doch fort ist!"

– "Er ist schön", sagte die Schlange. "Was machst du hier?"

– "Ich habe Schwierigkeiten mit einer Blume", sagte der kleine Prinz.

– "Ah!", sagte die Schlange. Und sie schwiegen.

– "Wo sind die Menschen?", fuhr der kleine Prinz fort. "Man ist ganz einsam in der Wüste …"

– "Bei den Menschen ist man auch einsam", sagte die Schlange. Der kleine Prinz schaute sie lange an:

– "Du bist ein lustiges Tier", sagte er schließlich, "so dünn wie ein Finger …"

– "Aber ich bin mächtiger als der Finger eines Königs", sagte die Schlange.

Der kleine Prinz lächelte:

– "Du bist doch nicht stark … Du hast nicht einmal Füße … Du kannst nicht mal herumkommen …"

– "Ich kann dich weiter fortbringen als ein Schiff", sagte die Schlange.

Sie rollte sich um den Knöchel des kleinen Prinzen wie ein Goldarmband:

– "Denjenigen, den ich berühre, übergebe ich der Erde, aus der er stammt. Aber du bist rein, du kommst von einem Stern …"

Der kleine Prinz antwortete nichts.

– "Ich habe Mitleid mit dir, so schwach wie du bist, auf dieser Erde aus Granit. Ich kann dir helfen, wenn du eines Tages Sehnsucht nach deinem Planeten hast. Ich kann …"

– "Oh! Ich habe sehr gut verstanden", sagte der kleine Prinz, "aber warum sprichst du immer in Rätseln?"

– "Ich löse sie alle", sagte die Schlange. Und sie schwiegen.

 

Kapitel XVIII

Der kleine Prinz lief durch die Wüste und begegnete nur einer Blume. Einer Blume mit drei Blütenblättern, einer ganz mickrigen Blume …

– "Guten Tag", sagte der kleine Prinz.

– "Guten Tag", sagte die Blume.

– "Wo sind die Menschen?", fragte der kleine Prinz höflich.

Die Blume hatte eines Tages eine Karawane vorbeifahren sehen.

"Die Menschen? Ich glaube, es gibt sechs oder sieben. Ich habe sie gesehen, nur ist das Jahre her. Man weiß ja nie, wo man sie findet. Der Wind treibt sie umher. Ihnen fehlen Wurzeln, das macht ihnen zu schaffen."

– "Adieu", sagte der kleine Prinz.

– "Adieu", sagte die Blume.

 

Kapitel XIX

Der kleine Prinz bestieg einen hohen Berg. Die einzigen Berge, die er kannte, waren die drei Vulkane, die ihm bis zu den Knien reichten. Und den erloschenen Vulkan benutzte er als Hocker.

– "Von einem so hohen Berg", sagte er sich, " werde ich den ganzen Planeten und alle Menschen auf einmal sehen …" Aber er sah nur die Spitzen von scharfen Felsen.

– "Guten Tag", sagte er auf gut Glück.

– "Guten Tag … Guten Tag … Guten Tag …", antwortete das Echo.

– "Wer seid ihr?", sagte der kleine Prinz.

– "Wer seid ihr … Wer seid ihr … Wer seid ihr …", antwortete das Echo.

– "Werdet meine Freunde, ich bin allein", sagte er.

 

– "Ich bin allein … Ich bin allein … Ich bin allein …" antwortete das Echo.

Was für ein komischer Planet! dachte er. Er ist ganz trocken, alles ist spitz und salzig. Und die Menschen haben keine Fantasie. Sie wiederholen, was man ihnen sagt … Bei mir zuhause hatte ich eine Blume. Die sprach immer als Erste …

 

Kapitel XX

Aber als der kleine Prinz lange über Sand, Felsen und durch Schnee gewandert war, geschah es, dass er endlich eine Straße entdeckte. Und alle Straßen führen zu Menschen.

– "Guten Tag", sagte er.

Es war ein Garten voll blühender Rosen.

– "Guten Tag", sagten die Rosen.

Der kleine Prinz schaute sie an. Sie glichen alle seiner Blume.

– "Wer seid ihr?", fragte er sie verdutzt.

– "Wir sind Rosen", sagten die Rosen.

– "Ah!", machte der kleine Prinz.

Und er fühlte sich sehr unglücklich. Seine Blume hatte ihm erzählt, sie sei im ganzen Universum die einzige ihrer Art. Und hier gab es gleich fünftausend von ihnen, die alle gleich aussahen, in einem einzigen Garten!

"Sie wäre sicher beleidigt", sagte er sich, "wenn sie das sehen würde … sie würde schrecklich husten und vorgeben zu sterben, um sich nicht lächerlich zu machen. Und ich wäre wohl gezwungen, so zu tun, als ob ich sie pflegte, denn ansonsten gäbe sie sich wirklich dem Sterben hin, um auch mich zu verletzen …"

Dann sagte er sich noch: "Ich dachte, ich sei reich, dank meiner einzigartigen Blume und dabei besitze ich nur eine gewöhnliche Rose. Dazu meine drei Vulkane, die mir bis an die Knie reichen und von denen einer vielleicht für immer erloschen ist, das macht keinen sonderlich großen Prinzen aus mir …" Und er legte sich ins Gras

 

Antoine de Saint-Exupéry: „Der kleine Prinz“. Aus dem Französischen von Romy Strassenburg. Erschienen 2015 im BUCHFUNK Verlag, Leipzig. Diese Übersetzung von Romy Strassenburg, erschienen 2015 im BUCHFUNK Verlag, ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.

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