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„Oma war immer mein Liebling“

„Oma war immer mein Liebling“, erzählt Abdulvahap Çilhüseyin den Schülerinnen und Schülern der sechsten Klassen des Gymnasiums am Deutenberg. Sie war es, die mit ihm auf den Spielplatz ging, ihm Süßigkeiten zusteckte und für ihn immer ein offenes Ohr hatte. Als er elf Jahre alt war, starb sie. Ihre Geschichte hat ihn seither nicht losgelassen. Anlässlich des Frederick-Tags, des landesweiten Literatur- und Lesefests, war der Autor auf Einladung von Deutschlehrerin Elif Çevirme ans GaD gekommen, um aus seinem biografischen Buch „Eine türkische Geschichte“ zu lesen.

Darin erzählt Çilhüseyin die Geschichte seiner Großmutter Saliha, die 1932 in einem kleinen Dorf nahe der türkischen Stadt Sivas geboren wurde. Ihre Kindheit war von harter Arbeit geprägt. Obwohl sie gerne zur Schule ging, musste sie den Unterricht frühzeitig aufgeben, um auf dem Feld und im Haushalt mitzuhelfen. Ein besonderer Ort blieb für sie der große Baum, unter dem sie zur Welt gekommen war. Auch später, als sie mit ihrem Enkel im Park unterwegs war, setzte sie sich lieber auf den Boden an einen Baumstamm als auf eine Bank. „Ich schöpfe meine ganze Kraft aus den Bäumen“, pflegte sie zu sagen.

Einen kleinen Baum hatte der Autor deshalb auch zur Lesung mitgebracht: einen selbst gebastelten Wunschbaum aus altem Schmuck, der an seine Großmutter erinnert. Und noch einen Wunsch seiner Oma konnte Çilhüseyin erfüllen: Mit dem Erlös seines selbst produzierten Buches ließ er in ihrem türkischen Heimatdorf einen Trinkbrunnen errichten.

Doch es blieb an diesem Vormittag nicht bei den Erinnerungen des Autors. Die Sechstklässlerinnen und Sechstklässler erzählten selbst von ihren Großeltern, berichteten von gemeinsamen Erlebnissen und teilten zum Teil sehr persönliche, bewegende Geschichten. Schnell wurde deutlich, wie wichtig Oma und Opa auch für viele der Kinder sind.

Neben diesen Gesprächen ging es um Herkunft, kulturelle Wurzeln und die Frage, was einen Menschen eigentlich ausmacht. Dazu hatte Çilhüseyin eine kleine Übung vorbereitet: Jedes Kind bekam einen Zettel auf den Rücken geheftet, auf den die anderen beim Umhergehen schrieben, was ihnen zu dieser Person einfiel. So konnten die Schülerinnen und Schüler entdecken, wie sie von anderen wahrgenommen werden – und welche Eigenschaften andere mit ihnen verbinden.

Auch ihre Fragen an den Autor stellten die Kinder ganz offen. Welche Stelle seines Buches sei für ihn am schwersten zu schreiben gewesen, wollte eine Schülerin wissen. Die Antwort fiel Çilhüseyin sichtlich schwer: Es war die Passage, in der seine Großmutter stirbt. Wie nah ihm diese Erinnerung noch immer geht, zeigte sich auch zum Abschluss der Lesung. Mit bewegter Stimme trug er ein Gedicht über seine Oma vor, das er im Alter von 15 Jahren geschrieben hatte – also nur wenige Jahre älter als die Kinder, die ihm an diesem Morgen zuhörten. 

So gab der Autor den Sechstklässlern schließlich auch eine Hausaufgabe mit auf den Weg: Sie sollten ihre Großeltern öfter anrufen. Für viele der Kinder, die zuvor von ihrem engen Verhältnis zu Oma und Opa erzählt hatten, dürfte das ohnehin ganz selbstverständlich sein. Und vielleicht wird der eine oder die andere beim nächsten Telefonat auch ein wenig genauer zuhören, wenn die Großeltern von früher erzählen.

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