"Kultur kennt keine Temperatur"

„Kultur kennt keine Temperatur“, zitierte Musiklehrer Alexander Ungelenk zu Beginn Schulleiter Zoran Josipovic. In der warmen Aula des Gymnasiums am Deutenberg wurde dieser Satz zum Motto eines Abends, der zeigte: Kultur braucht nicht die idealen Bedingungen, sondern den Willen, etwas auf die Bühne zu bringen. Man müsse es eben wollen, sagte Ungelenk auch mit augenzwinkerndem Blick auf das spätere WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ecuador. Gewollt wurde an diesem Abend viel. Und vieles gelang bemerkenswert.

Den Auftakt machte das Ensemble Schräg mit „Schrägen Variationen“. „Jede Variation basiert auf uns“, erklärte Ungelenk. Aus den Anfangsbuchstaben der Ensemblemitglieder entstand das musikalische Ausgangsmaterial D H E D B A D. Aus diesem kleinen Prinzip entwickelte sich eine musikalische Reise, die nicht nur Töne, sondern Bilder entstehen ließ. Die Variationen führten von einer Schlittschuhläuferin auf glitzerndem Eis über nächtliche Kirchenklänge und das melancholische Meer bis hin zu Rhythmus, Sternschnuppen und einer erwachenden Stadt. Am Ende standen epische Gefühle, Hoffnung, Dankbarkeit und noch einmal jener friedvolle, aber mächtige Choral, der das Stück zusammenhielt.

Anschließend gehörte die Bühne der Tanz-AG unter der Leitung von Marita Sontheimer. Die Choreografien wirkten diesmal besonders lyrisch, stellenweise fast akrobatisch. Fließende Übergänge, weiche Armführungen, präzise Richtungswechsel und klare Raumwege prägten die Auftritte. Immer wieder lösten sich einzelne Tänzerinnen aus geschlossenen Formationen, bewegten sich im Freeze der Gruppe weiter und fanden dann wieder ins Ensemble zurück. Gerade dieses Wechselspiel aus Gruppe, Duo und solistischer Präsenz gab den Choreografien Spannung. Besonders eindrucksvoll war das Duo von Andalusia Alkadi und Laura Jüngling: Hier entstand nicht nur Synchronität, sondern ein tänzerisches Gespräch aus Spiegelung, Gegenbewegung, Nähe und Distanz.

Der Projektchor setzte danach einen bewussten Kontrast. Mit dem neuesten „Sanctus“ aus Ungelenks Messe zeigte sich ein Ensemble, das klanglich immer weiter zusammengewächst. Nach der Bewegtheit der Tanzbeiträge entstand so ein Moment der Sammlung und Ruhe.

Nach der Pause folgte die Weltpremiere des Tanzmusicals „Drachen im Bauch“. Die Idee dazu entstand aus einem Wunsch der Hauptdarstellerin Phi Linke, die im vergangenen Jahr gesagt hatte, sie würde gerne einmal einen Drachen spielen. Ungelenk nahm diesen Wunsch ernst und schrieb daraus ein eigenes Musical.

„Man muss sich entscheiden“, heißt es zu Beginn aus dem Off. Ein verzweifelter Jugendlicher sucht nach Sinn, ein Mann drängt ihn zur Entscheidung, doch er kann sich nicht entscheiden: Er habe Drachen im Bauch. Der Drache wird damit zum Bild für Angst und Kraft, Unruhe und Sehnsucht, Bedrohung und Möglichkeit zugleich.

Erst danach beginnt die Märchenhandlung, die in ihrer Bildwelt an die romantischen Märchenräume Eichendorffs und E.T.A. Hoffmanns erinnerte: Ein kleiner Drache macht sich auf den Weg in die weite Welt, trifft auf eine Zauberin und wird von ihr überredet, das Land Ambrosia zu verbrennen und den singenden Baum zu zerstören. Doch die Begegnung mit einer Baumnymphe verändert alles. Aus Zerstörung wird Zweifel, aus Zweifel Freundschaft. Gemeinsam stellen sich Drache und Nymphe der Zauberin und ihrer Armee aus Tänzerinnen entgegen. Die Solistinnen Phi Linke als Drache, Andalusia Alkadi als Zauberin und Laura Jüngling als Baumnymphe trugen ihre Rollen mit großer Präsenz. Das Stück erzählte von Entscheidungsdruck, Verführung, Angst vor dem eigenen Feuer und der Möglichkeit, sich anders zu entscheiden, als andere es von einem erwarten. Im Epilog wurde dieser Gedanke noch einmal aufgenommen: Nicht der eine große Augenblick entscheidet alles. Viele Entscheidungen prägen ein Leben, jeden Tag.

Und den Abend mit musikalischen Geschichten bei „Bühne frei!“ prägten Klang, Bewegung, Zusammenspiel und der Mut zur Kultur.

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