Willkommen zu unserer gemeinsamen Lesewoche am Gymnasium am Deutenberg.
Eine Woche lang liest unsere ganze Schulgemeinschaft das gleiche Buch – „Der kleine Prinz“. Und weil Lesen verbindet, sollen alle mitmachen können: Schüler*innen, Eltern, Geschwister, Großeltern, Ehemalige und diejenigen, die gerade krank sind oder nicht in der Schule sein können.
Denn eine Geschichte gehört allen, die sie hören möchten. Deshalb veröffentlichen wir hier jeden Tag den Abschnitt, den unsere Klassen gerade lesen.
So kann jede und jeder von überall aus ein Stück dieser besonderen Woche miterleben:
im Bett, am Küchentisch, im Krankenhaus, zwischen zwei Terminen oder abends gemeinsam auf dem Sofa.
Lesen wir also zusammen – über Klassenzimmer, Häuser und Generationen hinweg.
Eine Geschichte verbindet uns, auch wenn wir nicht im selben Raum sitzen.
Hier beginnt unser täglicher Leseabschnitt:
Kapitel VI
Ach, kleiner Prinz, nach und nach habe ich so dein kleines trauriges Leben verstanden. Lange Zeit blieb dir nur die Lieblichkeit der Sonnenuntergänge, um dich zu zerstreuen. Dieses Detail erfuhr ich am Morgen des vierten Tages, als du mir sagtest:
– "Ich mag Sonnenuntergänge. Lass uns einen Sonnenuntergang anschauen…"
– "Aber man muss warten …"
– "Worauf denn warten?"
– "Darauf, dass die Sonne untergeht."
Du wirktest zunächst sehr überrascht, aber musstest dann selbst lachen. Und du hast zu mir gesagt:
– "Ich glaube immer noch, ich sei bei mir!"
Tatsächlich. Wenn es in den Vereinigten Staaten von Amerika Mittagszeit ist, das weiß ja jeder, dann geht in Frankreich die Sonne unter. Man müsste innerhalb einer Minute nach Frankreich gelangen können, um den Sonnenuntergang dort zu sehen. Leider ist Frankreich viel zu weit entfernt. Aber auf deinem kleinen Planeten, da musst du nur den Stuhl um ein paar Schritte verrücken und schon siehst du die Abenddämmerung, wann immer du willst.
– "Einmal hab ich die Sonne dreiundvierzig Mal untergehen sehen!" Und ein wenig später fügtest du hinzu:
– "Weißt du … wenn man sehr traurig ist, dann liebt man Sonnenuntergänge."
– "Also warst du an dem Tag mit den dreiundvierzig Mal besonders traurig?"
Aber der kleine Prinz antwortete nicht.
Kapitel VII
Am fünften Tag kam ich, wieder einmal dank des Schafes, hinter ein weiteres Geheimnis im Leben des kleinen Prinzen. Ohne Umschweife fragte er mich geradeheraus, als pflücke er die Frucht eines lange im Stillen gereiften Problems:
– "Wenn ein Schaf Sträucher frisst, dann also auch Blumen?"
– "Ein Schaf frisst einfach alles, was es findet."
– "Selbst wenn die Blumen Dornen haben?"
– "Ja, selbst Blumen mit Dornen."
– "Wozu dienen dann diese Dornen?"
Ich wusste es nicht. Unterdessen war ich mit dem Versuch beschäftigt, an meinem Motor einen Bolzen zu lockern, der zu festgezogen war. Ich war sehr besorgt, denn langsam schien mir meine Panne doch sehr ernst und das zur Neige gehende Trinkwasser ließ mich das Schlimmste befürchten.
– "Wozu sind die Dornen gut?"
Der kleine Prinz ließ nie von einer Frage ab, wenn er sie einmal gestellt hatte. Ich war von meinem Bolzen abgelenkt und so antwortete ich einfach Irgendetwas:
– "Die Dornen sind zu überhaupt nichts nutze. Die Blumen lassen sie nur aus Gemeinheit wachsen."
– "Oh!"
Aber nach einem Augenblick Stille, da erwiderte er verärgert:
– "Ich glaube dir nicht! Blumen sind schwach. Sie sind leichtgläubig. Sie schützen sich nur, so gut sie können. Mit den Dornen glauben sie, sehen sie gefährlich aus …"
Ich antwortete nichts. Sondern sagte mir in diesem Augenblick:
– "Wenn dieser Bolzen nicht nachgibt, muss ich ihn mit dem Hammer herauslösen."
Wieder unterbrach der kleine Prinz meine Überlegungen:
– "Und du glaubst, dass diese Blumen …"
– "Aber nein! Aber nein! Ich glaube gar nichts! Ich habe nur irgendwas geantwortet. Ich muss mich hier um wichtige Dinge kümmern!"
Er schaute mich erstaunt an.
– "Um wichtige Dinge?"
Er sah mich an, wie ich den Hammer in der Hand und mit ölverschmierten Händen über einem Ding hing, das ihm ausgesprochen hässlich erscheinen musste.
– "Du sprichst wie die Erwachsenen!"
Das beschämte mich etwas. Aber er fügte noch unerbittlich hinzu:
– "Du verwechselst alles … Du bringst alles durcheinander!"
Er war wirklich sehr aufgebracht. Er schüttelte sein goldenes Haar im Wind.
– "Es gibt einen Mann mit hochrotem Kopf. Er hat noch nie den Duft einer Blume gerochen. Er hat noch niemals einen Stern betrachtet. Er hat noch niemals jemanden geliebt. Nie hat er etwas anderes getan, als Zahlen zu addieren. Und den ganzen Tag wiederholt er, so wie du: Ich bin ein ernstzunehmender Mann! Ich bin ein wichtiger Mann! Und damit brüstet er sich voller Hochmut. Aber er ist gar kein Mann, er ist ein Pilz."
– "Ein was bitte?"
– "Ein Pilz!"
Der kleine Prinz war vor Zorn nun ganz bleich geworden.
– "Seit tausenden Jahren lassen Blumen Dornen wachsen. Seit tausenden Jahren fressen die Schafe die Blumen trotzdem. Und es soll nicht wichtig sein, verstehen zu wollen, warum sie sich so mühsam Dornen wachsen lassen, die zu gar nichts nutze sind? Dieser Krieg zwischen Schafen und Blumen soll nicht wichtig sein? Das ist nicht ernstzunehmender und wichtiger als die Berechnungen eines dicken rotbäckigen Mannes? Und wenn ich eine Blume kenne, die es nur ein Mal auf dieser Welt gibt, nirgends außer auf meinem Planeten, und wenn nun ein kleines Schaf eines Morgens diese Blume einfach so mit einem Biss vernichten kann, ohne zu wissen, was es tut – dann soll das nicht wichtig sein?!"
Er lief ganz rot an und fuhr dann fort:
– "Wenn jemand eine Blume liebt, die es auf zig Millionen Sternen nur ein einziges Mal gibt, dann reicht ihm ein Blick zu ihnen hinauf, um glücklich zu sein. Er sagt sich: "Irgendwo dort ist meine Blume …" Aber wenn das Schaf die Blume frisst, so ist es für ihn so, als seien ganz plötzlich alle Sterne verschwunden. Und das soll nicht wichtig sein?"
Mehr brachte er nicht hervor. Er fing auf einmal an zu schluchzen. Die Nacht war hereingebrochen. Ich hatte mein Werkzeug beiseitegelegt. Mein Hammer, mein Bolzen, der Durst und der Hunger erschienen mir auf einmal albern. Es gab auf einem Stern, auf einem Planeten, auf meinem Planeten, der Erde, einen kleinen Prinzen zu trösten. Ich nahm ihn in die Arme. Ich wiegte ihn. Ich sagte zu ihm: "Deine geliebte Blume ist nicht in Gefahr … Ich werde deinem Schaf einen Maulkorb zeichnen. Ich zeichne dir eine Rüstung für deine Blume … Ich …" Ich wusste wirklich nicht, was ich sagen sollte. Ich fühlte mich sehr schlecht. Ich wusste nicht, wie ich ihm näher komme, wie ich ihm beistehen konnte … Das Land der Tränen ist voller Geheimnisse.
Kapitel VIII
Schon bald lernte ich jene Blume besser kennen. Auf dem Planeten des kleinen Prinzen hatte es schon immer Blumen gegeben, sehr einfache, verziert nur mit einem Kranz von Blütenblättern; sie waren kaum zu bemerken und sie störten niemanden. Sie sprossen eines Morgens aus dem Gras und am Abend waren sie wieder verschwunden. Doch eines Tages keimte ein Spross aus einem Samen, von dem keiner wusste, woher er kam und der kleine Prinz überwachte ganz genau diesen kleinen Halm, der nicht so aussah wie die anderen. Das konnte eine neue Art des Affenbrotbaumes sein. Doch bald schon hörte der Strauch auf zu wachsen und eine Blüte gedieh heran. Der kleine Prinz sah zu, wie eine enorme Knospe keimte und er fühlte, es würde etwas Zauberhaftes daraus erwachsen, doch die Blume wurde und wurde nicht fertig damit, sich im Schutze ihrer grünen Kammer herauszuputzen. Sorgfältig wählte sie ihre Farben aus.
Langsam zog sie sich an und rückte ihre Blütenblätter eines nach dem anderen zurecht. Sie wollte nicht ganz zerknittert herauskommen wie die Mohnblumen. Sie wollte nur in voller Schönheit aufblühen. Oh ja! Sie war sehr eitel! So hatte sie tagelang vor dem Spiegel gestanden.
Und dann, eines morgens, als die Sonne aufging, hatte sie sich gezeigt. Und sie, die sich so sorgfältig herausgeputzt hatte, sagte gähnend:
– "Ah! Ich bin noch ganz verschlafen … Sie müssen mich entschuldigen … Ich bin noch ganz zerzaust …"
Der kleine Prinz konnte seine Bewunderung nicht mehr verbergen:
– "Wie schön Sie sind!"
– "Das ist wohl wahr!", antwortete die Blume sanftmütig. Und ich bin im gleichen Moment geboren wie die Sonne …"
Der kleine Prinz ahnte, dass sie nicht sonderlich bescheiden war, aber sie war dennoch so reizend!
– "Es ist bald Zeit zum Frühstücken", fügte sie kurz darauf hinzu. "Hätten Sie die Güte, an mich zu denken?"
Und ganz verwirrt holte der kleine Prinz eine Kanne mit frischem Wasser, um die Blume zu gießen.
Bald schon nervte sie ihn mit ihrer scheuen Eitelkeit. Eines Tages zum Beispiel, als sie dem kleinen Prinzen von ihren vier Dornen erzählte, hatte sie zu ihm gesagt:
– "Die Tiger sollen nur kommen mit ihren Krallen!"
– "Auf meinem Planeten gibt es keine Tiger", erwiderte der kleine Prinz. "Und außerdem fressen Tiger kein Gras."
– "Ich bin kein Gras", antwortete die Blume sanft.
– "Entschuldigen Sie mich …"
– "Vor Tigern fürchte ich mich nicht, aber jeder Luftzug ist mir ein Graus. Hätten Sie nicht einen Wandschirm?"
– "Grauen vor Luftzug … das sind schlechte Aussichten für eine Blume", bemerkte der kleine Prinz. "Diese Blume ist äußerst kompliziert."
– "Stellen Sie mich am Abend einfach unter eine Glasglocke. Es ist sehr kalt bei ihnen. Das ist schlecht eingerichtet. Da, wo ich herkomme …"
Aber sie unterbrach sich. Sie war ja als Samen gekommen. Sie konnte gar nichts von den anderen Welten kennen. Beschämt, dass sie sich selbst mit einer so einfallslosen Lüge enttarnt hatte, hustete sie zwei- oder drei Mal, damit sich der kleine Prinz schuldig fühlte:
– "Dieser Wandschirm?…"
– "Ich wollte ihn eben holen gehen, aber Sie sprachen mit mir!"
Wieder hatte sie sich gezwungen zu husten, um ihm ein schlechtes Gewissen zu machen.
So hatte der kleine Prinz, obwohl er durch seine Liebe guten Willens war, rasch an ihr gezweifelt. Er hatte unwichtige Worte allzu ernst genommen und war dabei sehr unglücklich geworden.
– "Ich hätte nicht auf sie hören sollen", vertraute er mir eines Tages an. "Auf Blumen sollte man niemals hören. Man muss sie anschauen und einatmen. Meine ließ meinen Planeten duften, aber ich konnte mich nicht darüber freuen. Diese Geschichte mit den Krallen, die mich derart zornig gemacht hatte, hätte mir eigentlich zu Herzen gehen sollen …"
Und weiter vertraute er mir an:
– "Ich war nicht in der Lage, es zu verstehen. Ich hätte sie nach ihren Taten und nicht nach ihren Worten beurteilen sollen. Sie spendete mir Duft, sie strahlte für mich. Niemals hätte ich fliehen dürfen. Hinter den armseligen Boshaftigkeiten hätte ich ihre Zärtlichkeit erkennen müssen. Blumen sind voller Widersprüche! Aber ich war zu jung, um sie lieben zu können."
Kapitel IX
Ich glaube, für seine Flucht diente ihm ein Schwarm wilder Zugvögel. Am Tag seiner Abreise räumte er seinen Planeten auf. Die noch aktiven Vulkane fegte er sorgfältig sauber. Er besaß zwei aktive Vulkane. Die waren nützlich, um sich sein Frühstück aufzuwärmen. Er besaß auch einen erloschenen Vulkan. Aber er sagte sich: Man weiß ja nie! So fegte er auch den erloschenen Vulkan. Wenn Vulkane sauber gefegt sind, brennen sie nur ganz leicht und gleichmäßig, ohne auszubrechen. Vulkanische Ausbrüche sind so wie Kaminfeuer. Wir auf der Erde sind viel zu klein, um unsere Vulkane abzufegen. Darum bereiten sie uns so viele Sorgen. Auch die letzten Triebe der Affenbrotbäume riss der kleine Prinz betrübt heraus. Er dachte, er würde nie wiederkommen. Aber all diese vertrauten Handgriffe erschienen ihm an diesem Morgen sehr angenehm. Und als er die Blume zum letzten Mal goss und sie unter ihre schützende Glasglocke stellen wollte, da überkam ihn das Bedürfnis zu weinen.
– "Adieu", sagte er zu der Blume. Aber sie antwortete ihm nicht.
– "Adieu", wiederholte er.
Die Blume musste husten. Aber das lag nicht an ihrer Erkältung.
– "Ich bin dumm gewesen", sagte sie schließlich. "Bitte verzeih mir. Versuche, glücklich zu sein."
Er war überrascht darüber, keine Vorwürfe zu hören. Er blieb ganz erstaunt stehen, die Glasglocke in den Händen. Diese ruhige Liebenswürdigkeit verstand er nicht.
– "Aber ja, ich liebe dich", sagte die Blume. Ich bin schuld, dass du es nicht bemerkt hast. Es ist nicht wichtig. Du warst ebenso dumm wie ich. Versuche, glücklich zu sein … Leg die Glasglocke weg, ich möchte sie nicht mehr. "
– "Aber der Wind …"
– "So erkältet bin ich gar nicht … Der nächtliche Wind wird mir gut tun. Ich bin eine Blume."
– "Aber die Insekten …"
– "Ich muss schon zwei oder drei Raupen aushalten, wenn ich die Schmetterlinge kennenlernen will. Sie sollen so wunderschön sein. Wer wird mich ansonsten besuchen? Du wirst weit fort sein. Was die großen Tiere angeht, habe ich keine Angst. Ich habe meine Dornen."
Leichtgläubig zeigte sie ihre vier Dornen. Dann fügte sie hinzu:
– "Trödel nicht so rum, das ist ärgerlich. Du hast entschieden fortzugehen. Mach dich auf den Weg!"
Sie wollte nicht, dass er sie weinen sieht. Sie war eine so stolze Blume …
Kapitel X
Er befand sich in der Gegend der Asteroiden 325, 326, 327, 328, 329 und 330. So begann er, ihnen einen Besuch abzustatten, um sich zu beschäftigen und sich schlau zu machen. Auf dem ersten lebte ein König. Der König saß in Purpur und Hermelin gekleidet auf einem Thron, der schlicht aber majestätisch war.
– "Ah! Ein Untertan", freute er sich, als er den kleinen Prinzen sah.
Und der kleine Prinz fragte:
– "Wie kommt es, dass Sie mich kennen. Sie haben mich noch nie zuvor gesehen!"
Er wusste nicht, dass die Welt für Könige sehr einfach ist: Alle Menschen sind Untertanen.
– "Komm mal näher heran, damit ich dich besser sehen kann", sagte der König, ganz stolz darauf, jemandes König sein zu können.
Der kleine Prinz schaute sich nach einer Sitzgelegenheit um, doch der herrliche Hermelinmantel nahm den ganzen Planeten ein. So blieb er stehen, doch vor Müdigkeit musste er gähnen.
– "Es gehört sich nicht, in Gegenwart eines Königs zu gähnen", ermahnte ihn der Monarch. Ich untersage es dir.
– "Ich kann nichts dagegen machen", antwortete der kleine Prinz ganz verwirrt. "Ich habe eine lange Reise hinter mir und kam nicht zum Schlafen …"
– "Dann befehle ich dir, zu gähnen", sagte der König zu ihm. "Seit Jahren habe ich niemanden mehr gähnen gesehen. Gähnen ist eine wahre Seltenheit für mich. Also los! Gähne noch mal. Dies ist ein Befehl."
– "Das schüchtert mich ein … ich kann nicht mehr", erwiderte der Prinz und wurde ganz rot.
– "Hm! Hm!" machte der König … Dann befehle ich dir mal zu gähnen und mal zu …“
Er stammelte ein wenig und schien verärgert. Denn dem König lag besonders daran, dass seine Autorität geschätzt würde. Ungehorsam tolerierte er nicht. Er war ein strenger Monarch. Doch weil er sehr gütig war, gab er vernünftige Befehle.
"Wenn ich den Befehl erteile", sagte er häufig, "dass sich ein General in einen Meeresvogel verwandeln soll und der General gehorcht nicht, so wäre es nicht sein Fehler. Es wäre mein Fehler."
– "Darf ich mich setzen?", fragte der kleine Prinz schüchtern.
– "Ich befehle dir, dich zu setzen", antwortete der König, und rückte würdevoll einen Zipfel seines Hermelinmantels zurecht.
Aber der kleine Prinz wunderte sich. Der Planet war winzig. Über wen konnte der König denn regieren?
– "Hoheit", sagte er … "verzeiht mir, wenn ich Sie unterbreche …"
– "Ich befehle dir, mich zu unterbrechen", sagte der König eilig.
– "Hoheit … worüber herrscht Ihr?"
– "Über alles", antwortete schlichtweg der König.
– "Über alles?"
Mit einer taktvollen Geste zeigte der König auf seinen Planeten, auf die anderen Planeten und die Sterne.
– "Über das alles?", sagte der kleine Prinz.
– "Über das alles …", antwortete der König. Denn er war nicht nur ein absoluter Monarch, sondern ein universeller.
– "Und auch die Sterne gehorchen Euch?"
– "Natürlich", sagte der König. "Sie gehorchen aufs Wort. Ich toleriere keinen Ungehorsam."
Der kleine Prinz bewunderte solch eine große Macht. Wenn er sie selbst besäße, könnte er nicht nur vierundvierzig, sondern zweiundsiebzig oder gar hundert oder zweihundert Sonnenuntergänge an einem Tag sehen, ohne nur ein einziges Mal seinen Stuhl zu verrücken! Und weil er ein wenig traurig war, beim Gedanken an seinen verlassenen Planeten, fasste er Mut und bat den König um einen Gefallen:
– "Ich würde so gerne einen Sonnenuntergang sehen … Macht mir die Freude … Befehlt der Sonne, unterzugehen …"
– "Wenn ich einem General den Befehl geben würde, wie ein Schmetterling von einer Blume zur nächsten zu fliegen oder eine Tragödie zu verfassen oder sich in einen Meeresvogel zu verwandeln und wenn der General den erhaltenen Befehl nicht ausführen würde? Wer von uns beiden wäre dann im Unrecht, er oder ich?"
– "Ihr wäret es", antwortete der Prinz voller Überzeugung.
– "Genau. Man muss von jedem das verlangen, was er geben kann", erwiderte der König. Autorität erlangt man zuallererst durch Vernunft. Befiehlst Du einem Volk, sich ins Meer zu schmeißen, so wird es eine Revolution anzetteln. Ich habe das Recht, Gehorsam zu verlangen, weil meine Befehle vernünftig sind."
– "Wie steht es also um meinen Sonnenuntergang?", fragte nochmals der kleine Prinz, der niemals von einer Frage abließ, wenn er sie einmal gestellt hatte.
– "Du bekommst deinen Sonnenuntergang. Ich werde ihn anordnen. Aber da ich zu regieren verstehe, werde ich abwarten, bis die Umstände günstig sind."
– "Wann wird das sein?", wollte der kleine Prinz wissen.
– "Hm. hm!", antworte der König und schaute zunächst in einen dicken Kalender. "Hm! Hm! das wird um … um … es wird heute Abend um sieben Uhr vierzig sein! Und du wirst sehen, wie man mir gehorcht."
Der kleine Prinz gähnte. Er bedauerte, dass ihm der Sonnenuntergang vorenthalten blieb. Und dann langweilte er sich schon ein bisschen:
– "Ich habe hier nichts mehr zu tun", sagte er zum König. Ich werde wieder aufbrechen!"
– "Geh nicht fort", antwortete der König, der so stolz darauf war, einen Untertan zu haben. "Geh nicht fort, ich mache dich zum Minister!"
– "Zu was für einem Minister?"
– "Zum … zum Justizminister!"
– "Aber es gibt doch niemanden, den man verurteilen könnte!"
– "Das weiß man doch nicht", sagte der König. "Ich war noch nicht an jedem Ort meines Königreiches. Ich bin sehr alt und es fehlt der Platz für ein Gefährt und das Laufen ermüdet mich."
– "Oh! Aber ich habe es schon gesehen.", sagte der kleine Prinz und neigte seinen Kopf, um nochmals auf die andere Seite des Planeten zu schauen. "Dort ist auch niemand …"
– "So wirst du über dich selbst Urteil sprechen", sagte der König. "Das ist am schwierigsten. Viel schwieriger, als über andere zu urteilen.
Wenn du es schaffst, über dich selbst ein Urteil zu fällen, dann bist du ein wirklich weiser Mensch."
– "Ich", sagte der kleine Prinz, "ich kann überall über mich selbst urteilen. Dazu muss ich nicht hier wohnen."
– "Hm, hm!", sagte der König. "Ich habe den Eindruck, auf meinem Planten gibt es irgendwo eine alte Ratte. Des Nachts höre ich sie. Über diese alte Ratte könntest du ein Urteil fällen. Von Zeit zu Zeit verurteilst du sie zum Tode. Ihr Leben wird von deinem Urteil abhängen. Aber jedes Mal wirst du sie begnadigen, denn sie muss ja aufgespart werden. Es gibt schließlich nur eine."
– "Ich mag kein Todesurteil sprechen", sagte der kleine Prinz, "und ich werde jetzt lieber gehen."
– "Nein", sagte der König.
Zwar hatte der kleine Prinz schon alle Vorkehrungen getroffen, aber er wollte den alten Monarchen nicht traurig machen:
– "Wenn Eure Majestät sich wünscht, man möge zur rechten Zeit gehorchen, so könnten Sie mir einen vernünftigen Befehl geben. Sie könnte zum Beispiel befehlen, ich solle innerhalb von einer Minute verschwinden. Mir scheint, die Umstände sind günstig …"
Weil der König nichts erwiderte, zögerte der kleine Prinz zunächst, aber dann brach er seufzend auf.
– "Ich mache dich zu meinem Botschafter", rief der König ihm eilig hinterher. Er legte große Autorität an den Tag.
– "Die Erwachsenen sind doch wirklich sonderbar!", sagte sich der kleine Prinz auf seiner Reise.
Antoine de Saint-Exupéry: „Der kleine Prinz“. Aus dem Französischen von Romy Strassenburg. Erschienen 2015 im BUCHFUNK Verlag, Leipzig. Diese Übersetzung von Romy Strassenburg, erschienen 2015 im BUCHFUNK Verlag, ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.
