Knappe drei Monate ist es jetzt her, seit ich, Lena Ruf, im Anschluss an die Sommerferien das Schuljahr anstatt in Deutschland in Frankreich begonnen habe. Wie es dazu kam? Da nun auch mein zweiter Bruder im Juli sein Abitur gemacht hat und jetzt beide meiner Brüder durch die Weltgeschichte reisen, habe ich kurzerhand beschlossen, ebenfalls Villingen-Schwenningen zu verlassen. Weil meine Eltern, unverständlicherweise, nicht wollten, dass ich das mit der Schule sein lasse, und zudem noch vor zwei Jahren Corona leider unseren Schüleraustausch nach Versailles gecrasht hat, habe ich einer unserer Französischlehrerinnen geschrieben, ob sie bei ihren Kollegen in Frankreich fragen könnte, ob dort eine Schülerin Lust hätte einen Schüleraustausch nach Villingen-Schwenningen zu machen. Dank der großartigen Hilfe von Frau Nefigmann kam dann tatsächlich ein Kontakt zustande. Eine Deutschlehrerin in Versailles hat selber eine Tochter in meinem Alter und war von der Idee sofort begeistert. Witzigerweise heißt die Tochter und damit meine Austauschschülerin auch Léna. Nach zwei Skype-Sessions, in denen wir die Familie näher kennengelernt haben, stand der Plan fest.
Ich würde im September für drei Wochen in Frankreich mit Léna in die Schule gehen. Losgehen sollte es am 11. September. Meine Eltern fuhren mich nach Straßburg und setzten mich dort in den TGV nach Paris. Dort angekommen holte mich meine Gastfamilie am Bahnhof ab. Mit Tram und Zug ging es dann nach Versailles. Meine Gastfamilie, bestehend aus Léna, ihrem Vater Michael und ihrer Mutter Délphine, ist super nett. Ich wurde sehr herzlich empfangen und habe mich sofort wohlgefühlt. Auch mit dem Französisch lief es ganz gut. Ich habe gleich von Beginn an ziemlich viel verstanden, nur mit dem Sprechen haperte es noch ein bisschen. Gleich nach meiner Ankunft in Versailles hat mir Léna die Stadt gezeigt, inklusive der „besten Eisdiele in ganz Versailles“. Am Sonntag ging es dann mit dem Fahrrad einmal quer durch Versailles, auch den großen Kanal im Schlossgarten haben wir einmal komplett umrundet. Nach diesem ersten Wochenende ging es dann, zeitgleich wie für meine Mitschüler hier in Deutschland, am Montag in die Schule für den ersten Schultag. Doch anstatt in das Gymnasium am Deutenberg in die zehnte Klasse ging es für mich in das Lycée de Notre Dame du Grandchamp in die Seconde.
Von Lénas Freunden und Mitschülern wurde ich, wie selbstverständlich, freundlich aufgenommen. Auch wenn zu Beginn der unterschiedliche Schulrhythmus gewöhnungsbedürftig war, denn die Schulstunden dauern hier 55 Minuten, die Schule startet häufig erst um 9 Uhr und geht dafür meistens bis um 17 Uhr, und die ganzen Unterrichtstunden natürlich auf Französisch waren und damit sehr anstrengend für mich, habe ich mich recht schnell eingefunden. Mein Glück war, dass wir in vielen Fächern in Deutschland dieselben Themen bereits im letzten Schuljahr behandelt haben, sodass ich dem Unterricht sehr gut folgen konnte und sogar manchmal Léna und ihren Freunden erklären konnte, wie z.B. ein Atom aufgebaut ist oder wie man eine bestimmte mathematische Gleichung löst, natürlich auf Französisch. Trotz dieser Vorteile waren meine Lieblingsfächer natürlich Englisch und Deutsch, da es in beiden Fächern für mich sehr einfach war mitzuarbeiten und zudem noch witzig den anderen zuzuhören. Das schwierigste Fach war für mich Französisch. Das Thema war Gedichtinterpretation, und wenn man das Gedicht nicht einmal versteht wird es natürlich auch recht schwierig es zu interpretieren. Doch in intensiver Arbeit zu Hause und mit der Hilfe von „deepl.com“ wurde auch dieses Rätsel gelöst, sodass ich dem Französischunterricht immer besser folgen konnte. Wenn wir nach der Schule dann zu Hause waren, machte ich immer zuerst meine französischen Hausaufgaben. Dabei saß ich auf meinem erklärten Lieblingsplatz, nämlich dem Balkon, wo am Spätnachmittag noch schön die Sonne hin schien. Nach den französischen Hausaufgaben kamen dann die deutschen Hausaufgaben an die Reihe. Dank meiner fantastischen Freunde, an dieser Stelle ein Riesendank, die mir jeden Tag geschrieben haben, was sie im Unterricht behandelt haben, konnte ich sozusagen zeitgleich alles mitarbeiten, sodass ich nach meinem Frankreichaufenthalt problemlos und ohne Rückstände in den Unterricht einsteigen konnte. Da aber auch in Deutschland das Schuljahr erst begonnen hatte, musste ich nicht allzu viel arbeiten, sodass sich meine Aufgaben in der ersten Woche auf 10 min pro Tag und in den späteren Wochen auf maximal 40 min pro Tag beschränkt haben. Nach den Hausaufgaben kam dann wie in Frankreich so üblich ein recht ausgiebiges Abendessen. An den Wochenenden, wenn mehr Zeit war, gab es zuerst eine Vorspeise, dann der Hauptgang, danach Käse mit Baguette und zum Schluss noch ein Dessert. Das Abendessen war eins meiner Highlights jeden Tag, da, wie auch zu Hause, jeder ein bisschen von seinem Tag erzählte und viel geredet und gelacht wurde. Zwischen der Schule, den Hausaufgaben, dem Abendessen und dem Zu-Bett-Gehen war nicht viel Zeit, trotzdem schafften Léna und ich es auch gemeinsam joggen zu gehen, das Schloss anzuschauen oder Spiele zu spielen.
Das Highlight jeder Woche waren aber die Samstage. An denen sind wir nämlich nach Paris gefahren. So war ich zum ersten Mal im Louvre, habe selbstverständlich ein Selfie mit der Mona Lisa gemacht, bin die Champs-Elysée entlanggelaufen, habe den zu dieser Zeit verhüllten Triumphbogen gesehen, war in Montmartre, habe die Sacré-Coeur gesehen, war am Eifelturm und dem Invalidendom und habe eine Bootstour gemacht, im Zuge derer ich unter anderem Notre-Dame im Baugerüst gesehen habe und unter der „Pariser Brücke der Liebe“ durchgefahren bin. Kurz, ich war der typische deutsche Tourist, immer begleitet von meiner Gastfamilie, die Fotograf gespielt, mich mit einheimischem Fachwissen gefüttert und aufgepasst hat, dass ich im Menschengewühl in der Tram nicht verloren gehe.
Es waren drei unvergessliche Wochen, in denen ich jede Menge erlebt, Erfahrungen gesammelt und neue Freunde kennengelernt habe. Cool war natürlich auch, dass ich mit jedem Tag mehr verstanden habe und besser französisch reden konnte.
Zum Abschied haben die Schüler „meiner“ Klasse mich mit selbstverfassten Briefen überrascht, die sie in meiner letzten Schulstunde vorgelesen haben. Das war der Wahnsinn! Der Abschied von meiner Gastfamilie ist mir echt schwergefallen. Doch mit dem Wissen, dass wir uns auf jeden Fall wiedersehen, spätestens wenn Léna im Juni hierherkommt um am deutschen Unterricht teilzunehmen, bin ich dann am Ende doch in den Zug zurück nach Straßburg gestiegen, wo mich meine Eltern abgeholt haben. Dann hieß es zurück nach Villingen-Schwenningen.
Für mich war der Aufenthalt eine einzigartige und wunderschöne Erfahrung und wenn Ihr auch Lust darauf habt vielleicht eine oder zwei Wochen in Versailles zu verbringen, dann könnt Ihr euch gerne an Frau Nefigmann wenden. In Versailles gibt es momentan bereits eine Zehntklässlerin, die eine deutsche Austauschschülerin sucht. Aber auch wenn Ihr z.B. in anderen Klassenstufen seid, könnt Ihr euch gerne bei Frau Nefigmann melden.

